Ich war schon sehr gespannt, was mich
in diesem Land erwarten würde, das ich in meinen Märchen immer als
Paradies, wenngleich verloren gegangenes, geschildert habe. Würde
ich einen dieser traumhaften Paläste noch sehen, mit den bunten
Fensterscheiben, den Türmchen und Zinnen, würde ich durch
die engen Straßen und über die weiten Plätze der
Städte lustwandeln können, würden die Kuppeln der
Moscheen blaugrün schillern, so wie ich es in mir, in meinen
Märchenwelten, gesehen hatte? Und die Landschaft, würde
wenigstens sie ihr Versprechen halten, von Bächen und Flüssen,
von Wiesen und endlosen Steppen, von hohen, schneebedeckten Bergen,
würde ich die Wüste sehen, die Nomadenzelte? Wie würden
mir die Menschen begegnen?
Am 21. Mai hoben
wir in München ab und flogen über
Dubai nach Kabul. Nach einer Nacht im Haus unserer Freundin,
der großen, tapferen Frau und Begründerin der Hilfsorganisation
Shuhada, Frau Dr. Sima Samar, verließen wir noch vor dem
Krähen des Hahns die Stadt, fuhren eine kurze Strecke auf
asphaltierter Straße, und dann querten wir hinein ins weite
Hochland von Hazarajat, in die Heimat von Frau Dr. Samar, den
Teil Afghanistans, in dem die Nachkommen Dschingis Khans sich
niedergelassen haben, wo einem Kinder mit von der Kälte
geröteten Pausbacken und Schlitzaugen begegnen und Erwachsene
mit von Wind und Wetter gegerbter lederner Haut. |

Margret Bergmann in Tabqos
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Die Bauernhöfe alle aus Lehm, zum Teil
während der langen Kriegs- und Flüchtlingszeiten von Regen
und Wind abgetragen, dabei, sich wieder der Erde anzuschmiegen, aus
der sie einst geformt worden waren, und daneben die neuen Häuser
der Zurückgekehrten.
Felder werden gerodet, gepflügt, Roggen wird
ausgesät, in waalartigen Kanälen wird Wasser auf die Felder
geleitet. Schnellwüchsige Pappeln werden gepflanzt, die Stämme
dienen als Stützen und Balken beim Hausbau.
Ja, wir haben Glück. Nach den schweren Schneefällen
des letzten Winters fließen die Bächlein, manche Flüsse
bringen mehr Wasser als sie führen können, die Berge sind
wie von zartgrünem Samt überzogen, die Wiesen stehen saftig,
die Bäume setzen Blätter und Blüten an. Eine hoffnungsvolle
Zeit, besonders für Hirten und Bauern, die bis hoch oben auf
die Berge, weit über die Baumgrenze hinaus, noch Felder bereitgestellt
haben zur Aussaat. Wenn das Wetter nur weiterhin günstig bleibt
und Regen bringt!
Ins Hazarajat führen keine Straßen,
nur Trampelpfade, von Lastwägen gezogene Fahrspuren, die nach
dem Regen zu Schlammwannen werden, sich in trockenen Zeiten jedoch
in Staubschüsseln verwandeln. Nur im Vierradantrieb geht es
voran – und auch das nicht immer –, unsere Fahrzeuge
klettern Forellen oder Lachsen gleich Katarakte hinauf, wir erklimmen über
4000 m hohe Pässe, wir pflügen unseren Weg durch moorigen
Sumpf – und dann kommen wir endlich doch an unsere Ziele.
Denn das ist Sinn und Zweck unserer Reise: die
Projekte von Shuhada zu besichtigen, uns zu erkundigen, wie es in
den Hospitälern, den Schulen weitergeht, zu erfahren, ob Fortschritte
gemacht wurden, Medikamente zu bringen, von notwendigen neuen Projekten
zu hören. Diese tragen wir dann heim, in der Hoffnung, nein,
in der Zuversicht, hier im Lande offene, hilfsbereite Herzen zu finden.
Im hintersten Lal und Sare Jangle, wo der Winter
acht Monate dauert und die Orte wie Maulwurfhügel unterm Schnee
begraben liegen, hier halten Shuhada-Ärzte durch, hier versorgen
sie nach besten Möglichkeiten die Kranken, hier werden Kinder
geboren, hier besuchen sie, stundenlange Märsche in Kauf nehmend,
Kranke zuhause. 800 Menschen sind in dieser abgeschiedenen Gegend
im letzten Winter erfroren!
Auch wir frieren erbärmlich: jeden Tag eine
Kleiderschicht mehr am Körper, jeden Tag ein bisschen weniger
Abwaschen, was soll´s auch, man schwitzt nicht in dieser Kälte,
wo im Juni noch Schnee und Graupel fällt. In Jaghori eine größere
Klinik. Da sitzt eine junge Frau in der Artpraxis. Fünf Stunden
lang ist sie auf dem Eselsrücken hergeritten, um einen Arzt
zu sehen. Verängstigt-hoffnungsvoll schaut sie uns an. Oder
der arme Alte (wie alt wohl?), der mir mit schmerzverzerrtem Gesicht
beide Hände entgegenstreckt, und meine Hand küsst, als
ich die seinen nehme und drücke. Ach, was könnte ich nur
tun für dich? Und die Kinder, die so lange „rotzen“ und
husten, bis sie gelernt haben, den Schleim zurückzuziehen und
auszuspucken. Wie viele Krankheitskeime wüten bis dahin in ihren
Körpern! Nur die Kräftigsten überleben die ersten
Jahre.
Herzerwärmend die Freundlichkeit, mit der
wir überall empfangen werden, die Dankbarkeit! Dankbar für
den Besuch, für die Medikamente, für die Geschenke. Dankbar
für ein Paar Schuhe, die ich entbehren kann, dankbar für
den Armreif, den ich einer Frau ums Handgelenk lege, dankbar für
jedes Lächeln, für jede Geste der Zuwendung und für
jeden offenen Blick, der aus dem Herzen kommt. Wie oft bin ich gegen
sogenannte Gesellschaftsregeln verstoßen, weil ich einfach
tun musste, was mir das Herz, nicht die Gesellschaftsregel, die Vorschrift,
gebot.
Endlich der Tag, an dem ich „meine“ Schule
in Tabqos besuchen darf! Meine Schule, weil ich sie durch mein Märchenerzählen
und durch den Erlös meines Buchs „He du, großer
Komet!“ finanzieren kann. 760 Mädchen und junge Frauen
besuchen die Schule, die nach 12 Jahren Unterricht mit der Reifeprüfung
endet und den jungen Frauen die Türen zur Universität aufschließt.
Der Schulweg dauert für viele bis zu 2 Stunden,
noch im Dunkeln machen sie sich auf den Weg, um den Unterrichtsbeginn
nicht zu versäumen, und erst spät am Nachmittag kommen
sie wieder heim. Manche Lehrerin hat ihr Baby mit in den Unterricht
gebracht, und es wird von den Schulmädchen liebevoll umsorgt.
Auch größere Mädchen bringen gelegentlich ihr kleines
Geschwisterchen zum Unterricht mit. Doch es gibt kein Geschrei, kein
Schimpfen, die Kinder verhalten sich ruhig, sind es gewohnt, aufeinander
Rücksicht zu nehmen.
Eine Klasse schreibt gerade ihre Schularbeit: die
Mädchen sitzen weit verstreut im Schulhof, unter der prallen
Sonne, damit sie nicht voneinander abschreiben können. Ja, damit
sie nicht voneinander abschreiben können, denn in den Klassenräumen
sitzen sie so eng, wie Sardinen in Dosen gepresst, auf ihren Bänken
oder auf dem Boden, dass ihr Blick das Heft, das Blatt der Nachbarinnen
unwillkürlich mit einschließt.
Wie in allen Shuhada-Schulen, die wir besuchen,
in allen Shuhada Krankenhäusern und im Waisenhaus, das die Provinz
Bozen finanziert hat, werden wir auch hier herzlich begrüßt,
wir teilen die Buntstifte und Papierblätter aus, damit wir für
die Pateneneltern Zeichnungen mit nach Italien bringen können.
Während die Kinder malen, gibt es im Lehrerzimmer Tee und lange
Gespräche in Dari, der Landessprache. Es wird gelacht, es wird
berichtet, Bedürfnisse werden laut.
Man braucht hier in Tabqos ein drittes Haus (zwei
Schulhäuser gibt es bereits), die Kinder ersticken förmlich
in den engen Räumen, 60.000 € kostet der Bau. „Margret,
hast du eine Grube, aus der du 60.000€ schöpfen kannst?“,
fragt mich Evelina Colavita, meine Freundin und Mittelsperson für
meine Afghanistanhilfe. „Ich werde eine finden!“ Und
so bin ich mit einem großen Auftrag zurückgekommen, einem
Auftrag, dem ich mit all meinen Kräften und Möglichkeiten
nachkommen möchte.
Vielleicht, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter für eine bessere
Zukunft in unserer Welt, wisst ihr einen Weg zu dieser Grube? Sicher
führt nicht nur ein Weg dorthin.
Herzlichen Dank!
Margret
Bergmann
P.S. Mein Buch „He du, großer Komet!“ kommt in Kürze
als „Ciao, cometa!“ in italienischer Sprache auf den Markt.
Sollten die Bücher in den Buchhandlungen nicht lagernd sein, können
sie beim Provinz-Verlag in Brixen bestellt werden.
Die 3. Klasse der Grundschule Terenten hat das Buch als Theaterstück
auf die Bühne gebracht: ein wirklich gelungenes Unterfangen!
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