Sie ist
vor Ort, sie weiß Bescheid, sie läßt sich nichts
entgehn,
sie weiß, warum und wo und wie geschehn ist, was geschehn.
Ob Bankraub oder Gipfelsturm, ob Neujahrsbabys Schrei,
sie hat die Bilder, denn sie war ja überall dabei.
Wer top, wer flop, wer ex, wer hopp, sie sagt’s uns ungeniert –
auch wer mit wem wie wo warum, wenn wer wen abserviert.
Der größte Kürbis weit und breit erstrahlt mit Bild
und Text,
auch wenn er nicht in jedem Fall in einem Garten wächst.
Eisprinzessin, Mord und Totschlag, Feinstaub-Fahrverbot,
Weinverkostung, Armutsgrenze, Miss-Wahl, Wohnungsnot,
Hundewelpen, Kinderschänder werden aufgetischt,
Kriegsverbrechen, Freizeitmesse, alles bunt gemischt.
Sie weiß ja, wie der Laden läuft, auch sie macht ihre
Quoten
mit Tieren, Titten, Tränen und vor allem mit den Toten.
Die Toten sind ihr Hauptmetier, ob jung, ob hochbetagt,
ob totgeschwiegen, totgeredet oder totgesagt.
Sie hat die Volksgunst in der Hand und weiß sie zu verwenden,
denn mit der Volksgunst hat sie auch die Politik in Händen.
Wen sie emporbringt, wird im Nu zum Lieblingskind der Massen,
doch wen sie abschreibt, der ist bald von aller Welt verlassen.
Sie leiht dem Volksmund ihre Stimme, jeder kommt zu Wort,
egal, wie seicht, wie kleinkariert oder wie verbohrt,
sie läßt die Leser diskutieren, dichten oder plaudern,
für uns, die wir das lesen solln, ein Sittenbild zum Schaudern.
Ihr stellt sich keiner in den Weg, und sollt’ es einer wagen,
so wird er gleich im Gegenzug von Schlagzeilen erschlagen.
Doch manch Ereignis hier im Land, das will sie uns ersparn,
denn was nicht passt, ist nicht passiert, und keiner soll’s
erfahrn.
So bastelt sie sich ihre Wahrheit, die wir schlucken solln,
und wir schlucken, denn wir sehn nur, was wir sehen wolln.
Wir lassen uns die Welt so gern in schwarz und weiß einteilen
und übersehen allzu leicht das Grau zwischen den Zeilen.
Da ist die Zeitung nicht dran schuld, das ist uns allen klar,
es fragt doch keiner, ob’s auch stimmt und ob’s auch
echt so war.
Drum hilft es nicht, sich zu empören, wir sind Allesfresser;
solang wir tolle Mythen kaun, verdienen wir’s nicht besser.
Selma Mahlknecht,
aus der Lyrikanthologie „dichter innen
lesen“
anlässlich der Lyriktage Mals 2006
Mals – Beim vierten
Lyrikabend in Mals war die bekannte Schriftstellerin und Dramaturgin
Selma Mahlknecht zugegen. In einer sehr schönen Sprache beschrieb
sie die Existenz des Menschen, in einer sanften, einfühlsamen,
oft auch sehr ironischen und radikalen Poesie, in Hochsprache und
Dialekt, und teils in szenischer Vortragsweise. Ihr Freund Kurt
Gritsch begleitete sie auf der Gitarre. Am Ende der Lesung sangen
sie gemeinsam, die zahlreichen Zuhörer klatschten für
eine Zugabe. Etwas überrascht, sang Selma Mahlknecht doch
noch einmal mit ihrem Freund.
Selma Mahlknecht ist 1979 in Meran geboren, vor kurzem hatte sie
Geburtstag, am 21. März. Nach der Matura am Humanistischen
Gymnasium „Beda Weber“ in Meran studierte sie Dramaturgie
und Drehbuch an der Universität für Musik und darstellende
Kunst in Wien. Sie hat bereits seit 2003 zahlreiche Literatur veröffentlicht. „Ich
unterrichte auch“, ergänzte die Autorin ihren Lebenslauf
beim Lyrikabend. Demnach hat sie auch über die Schule gedichtet.
Hans Perting, Künstlername von Johannes Fragner Unterpertinger
aus Mals, hatte einführende Worte gesprochen. Gekommen waren
auch Professor Herbert Rosendorfer, selbst Schriftsteller, und
Künstler Professor Robert Scherer. Ein gelungener Abend mit
einem hohen literarischen Niveau, der den Zuhörern noch lange
in Erinnerung bleiben wird. Wer die Gedichte aller jungen Autorinnen
nachlesen will, kann die Lyrikanthologie „dichter
innen lesen“ erwerben,
während der Lesungen, aber auch zu den Öffnungszeiten
in der öffentlichen Bibliothek in Mals.
Am 6. April um 20
Uhr liest Maria Raffeiner aus Tschengls in der Bibliothek. (dany)
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