Prof. Dr. Anton Pelinka
Universität Innsbruck
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Das Betonen der Grenze
zwischen Kunst und Kitsch hat ebenso wie das antipopulistische Naserümpfen
etwas von dem Bedürfnis, von der Neigung an sich, nicht zur
Plebs gehören
zu wollen. Wer sich ständig abheben muss vom Populismus, wer immer
wieder verächtlich über Kitsch redet – der (die) drückt
so ein antiplebejisches Denkmuster aus, das zwar verständlich,
nicht aber per se demokratisch ist.
Populismus und Kitsch sind daher auch der Aufstand
der Massen gegen das Vernunft- und Geschmacksdiktat der Eliten. Dieser
Aufstand produziert
nur zu oft Schreckliches – vor allem in der Politik. Dort schaukelt
der Populismus Vorurteile auf, schürt Fremdenfeindlichkeit, verletzt
Menschenrechte.
Die negativen Folgen des Kitsches sind da vergleichsweise
harmlos: Eine Unzahl von Gartenzwergen vor Einfamilienhäusern und von in Öl
gemalten Hirschen über den Ehebetten – wem schadet das?
Die Abneigung gegen Kitsch und die strenge Abgrenzung zwischen Kitsch
und Kunst hat vieles mit der Abneigung gegen Populismus und der strengen
Abgrenzung zwischen Populismus und Demokratie zu tun: Die Minderheit
der (vermeintlich) Wissenden verweist seufzend auf Unwissenheit der
Mehrheit.
Diese Grenzziehungen erfüllen eine Funktion – diejenigen,
die tatsächlich (im Sinne eines Mehr an Macht) oder vorgeblich
Eliten sind, von denen abzutrennen, die nicht dazu gehören und
auch nicht dazu gehören sollen. Die tiefe Abneigung gegen Kitsch
und gegen Populismus hat auch etwas damit zu tun, dass die, die sich „oben“ wähnen,
auch oben bleiben wollen – subjektiv und objektiv.
Das hat seine schlechte Seite: vordemokratische
Arroganz kann sich so ein demokratisches Mäntelchen umhängen. Sehr her, nicht
unser Ausschließungs- und Abgrenzungsbedürfnis ist antidemokratisch,
sondern es sind die groben, rüden Begehrlichkeiten der Populisten
und derer, die nicht begreifen, was der Unterschied zwischen Kunst
und Kitsch ist.
Das alles hat aber auch seine gute Seite: Demokratie
ist eben nicht ein ständiges Plebiszit, in dem die Tageslaune sich mit Mehrheit
durchsetzt; Demokratie ist eben nicht einfach nur Mehrheitsherrschaft,
sondern auch Minderheits- und Individualrechte – auf die zu vergessen
aber eine spezifisch populistische Eigenheit ist. Und Kunst ist zwar
nichts objektiv Vorgegebenes, sondern etwas, das durch subjektive Prozesse
zur Kunst und damit zum Gegenteil des Kitsches gemacht werden kann – aber
Kunst verlangt nach der Differenz, nach dem Unterschied zum Kitsch,
will Kunst nicht beliebig und damit uninteressant zu werden.
Zum Glück für Demokratie und
Kunst gibt es diese Unterschiede – wehe
der Demokratie, wenn der populistische Affekt die Alleinherrschaft
antritt. Wehe der Kunst, wenn der Kitsch zur Kunst aufsteigt. (Seite
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