Prof. Dr. Anton Pelinka
Universität Innsbruck
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Kitsch und Populismus gehen politisch
wirksame Koalitionen ein – vor allem auch auf regionaler Ebene.
Tirol liefert da ein schönes Beispiel: Die Verkitschung der
Ereignisse von 1809 ist eine gute Grundlage für den Tiroler
Hurra-Patriotismus, gegen den sich niemand ungestraft auflehnen darf.
Andreas Hofer, der Antirevolutionär, der Anti-Freiheitskämpfer,
wird zum Revolutionär, zum Freiheitskämpfer umgedeutet.
Der Kampf der Tiroler Bauern gegen die von Napoleon und der Bayernherrschaft
aufgezwungenen Freiheiten wurde schon einmal auch völkisch interpretiert – und
heute als demokratisches Fanal gedeutet.
Wer kennt sie nicht, die Bilder von den knorrigen
Kämpfern; wer
kennt nicht die Darstellung des Sandwirts, der in Mantua heroisch dem
Tod ins Auge sieht? Der Text der Tiroler Landeshymne ist die politische
Instrumentierung dieser Umdeutung, dieser groben Vereinfachung einer
historischen Wirklichkeit, die voll von Widersprüchen war.
„Kitsch as Kitsch can“ – populistisch genützt.
Hofer gleicht dann Lenin, der bis vor einer halben Generation in der
Zweiten Welt überall zu sehen war, in einer verkitscht- geschönten
Variante letztlich vergeblich das Bedürfnis der Regierenden verkörpernd,
durch tausende und abertausende Lenin-Statuen und -Bilder so etwas
wie Legitimation herstellen zu können.
Lenin ist passé. Hofer ist es nicht. Lenins Verkitschung diente
einer Diktatur. Der Hofer-Kitsch dient einer Demokratie – ein
substantieller Unterschied, der freilich an der Parallele, der politischen
Instrumentierung von Kitsch, nichts ändert.
Die schrecklichsten Diktatoren des vergangenen
Jahrhunderts – Hitler,
Stalin, Mao – sie alle waren große, schreckliche Vereinfacher.
Sie alle waren Populisten – allerdings keine demokratischen.
Sie wollten nicht, wie die Populisten in den Demokratien von heute,
die Emotionen der Regierten hoch peitschen, um damit Wahlen zu gewinnen.
Sie nutzen ihr – grob vereinfachtes – Weltbild, um eine
Herrschaft zu stabilisieren, die mangels demokratischer Wahlen immanent
ohnehin nicht gefährdet war.
Alles war der Rassenkampf, oder alles war der Klassenkampf – und
was da an Konflikten nicht hineinpasste, das war ein Nebenwiderspruch.
Und wer da nicht hineinpasste, der oder die wurde vernichtet. Natürlich
waren die schrecklichen Vereinfacher des vorigen Jahrhunderts nicht
ohne weiters austauschbar: Rassen sind Konstrukte, Klassen hingegen
gibt es tatsächlich. Aber die Opfer all dieser Vereinfacher der
noch jungen Vergangenheit zählten Millionen und Millionen.
Was wir daraus lernen können?
Die Welt ist nicht so einfach, wie wir sie uns ersehnen. Die Politik
muss sich die Zeit nehmen, diese
unsere Welt in ihrer Komplexität zu verstehen. „Gut“ und „böse“ sind
Kategorien – aber nicht im Sinne einer Zweiteilung der Menschheit
in Gute und Böse. (Seite
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