Ein geheimnisvoller
Platz, zum Beispiel wie geschaffen für Begegnungen eines heimlichen Liebespaares, wie es der
junge Bauernsohn Raetho Klammsteiner vom größten Hof im Talgrund
und die Comtesse Sigrun von Schloss Sonnberg, am Eingang des Tales, sind.
Dass ihre Liebe keine glückliche Erfüllung findet, hat mehrere
Gründe: den sozialen Unterschied, die mögliche Blutsverwandtschaft,
die politischen Zeitläufe, persönliche und familiäre Schicksale.
Pertings Bilderbogen ist in einem Seitental des obersten Vinschgaus,
im deutschsprachig-rätoromanischen
Grenzgebiet angesiedelt und durchmisst eine Zeitspanne von den zwanziger bis
in die frühen sechziger Jahre. Diese Koordinaten erlauben dem Autor, ein
breites Panorama an Lokalgeschichte und Wirtschaftsgeschichte einzufangen, Glauben
und Aberglauben, Familienchronik und große Politik ins Bild zu nehmen.
Da ist einmal die Bauernfamilie Klammsteiner mit Raetho – der figurativen
Hauptachse der Erzählung – als einzigem Sohn, der frommen, fast schon
bigotten Mutter und des gutmütigem Vaters, mit dem Onkel Valentin als Erzieher
und Begleiter des Buben (wenn nicht mehr); und zum anderen die Familie des Grafen
Baldur von Sonnberg, mit dessen Gemahlin Melisande, dem schwachen Stammhalter
Bardolf und der lieblichen Comtesse Sigrun; und da ist außerdem der Hochwürdige
Herr Anton Mairösl, Pfarrer, Doktor, Lehrer, Richter und außerdem
noch cavaliere und „Granfascista“ und schon von dieser schillernden
Präsenz her die heimliche Hauptfigur der Geschichte. Die Beziehungen zwischen
diesen Figuren werden zusammengehalten durch die Lebensweise und die Tradition
der Menschen in dieser kargen Landschaft, sie werden getragen durch die gemeinsame
Sorge in einer politisch unsicheren und gefährlichen Zeit, sie werden genährt
durch die gemeinsamen Hoffnungen und Anstrengungen zum Aufbau einer besseren,
sichereren Zukunft. Bilden die Liebesgeschichte zwischen Sigrun und Raetho sowie
die dunklen Wolken des Faschismus den Spannungshintergrund des ersten Teils des
Hörbuches, ist es im zweiten Teil der Krieg mit seinen Folgen, die Heimkehr
des Soldaten Klammsteiner und der Wiederaufbau nach 1945. Mit den ersten nachhaltigen
Projekten zur Erschließung des Tales für Wirtschaft und Tourismus,
an denen der inzwischen alt gewordene – aber ledig gebliebene - Raetho
Klammsteiner maßgeblichen Anteil hat, endet die Erzählung.
Autor Hans Perting schafft in den einzelnen Kapiteln sehr akribisch komponierte
Miniaturen, die von einem genau recherchierten Hintergrundwissen im angeschnittenen
Themenspektrum ebenso zeugen wie von der Absicht des Autors, Handlungen und
Verhaltensweisen nicht einfach einander gegenüberzustellen, sondern in allem die psychologische
Deutung zu suchen. Gelegentlich erstarrt die gut gemeinte Absicht zur leicht
klischeehaften Pose, gerade wenn es um heikle Themen der sozialen oder politischen
Geschichte und deren „korrekte“ Darstellung geht. Doch in der Figur
des schon erwähnten Pfarrers Mairösl, des eigentlichen Trägers
der Geschichte, verpackt der Autor sein eigentliches Credo: Pragmatismus statt
Fanatismus; den Menschen helfen, ohne sich durch ideologische Trübungen
beirren zu lassen, anpacken, wo es Not tut, und das alles aus einer tief empfundenen
Liebe für eine ganz besondere Landschaft und ihre Menschen.
Mit dem „Kranich“ hat Hans Perting vielleicht eine neue Lesart von „Heimatliteratur“ geschaffen,
weil er weder nur dokumentiert noch kritiklos verklärt oder rundum kahlschlägt,
sondern vielleicht dies versucht: aus allem Gesehenen und Geschehenen die Obertöne
herauszufiltern. Diesen Ansatz könnte man „mythologisch“ nennen,
und er passt wunderbar in den von Perting beschriebenen Landstrich. |