Aber zunächst ein Wort zur Form des Hörbuchs.
In den letzten Jahren hat das Hörbuch einen beachtlichen Aufschwung
erlebt, wobei die unterschiedlichsten Faktoren eine Rolle spielen, etwa,
dass so auch während des Autofahrens, Bügelns oder Badens „gelesen“ werden
kann, und das allein oder zu mehreren ohne den mühsamen Streit darum,
wann umgeblättert wird. In erster Linie vermittelt das Hörbuch
das wohlige Gefühl des Erzählt-Bekommens, als säße
man als Kind zu Füßen des Märchenonkels und lausche andächtig.
Im Falle des „Kranichs“ heißt der Märchenonkel Karl
Heinz Macek, und seiner warmen Stimme vertraut sich der Leser gerne an.
Macek gelingt es auf beeindruckende Weise, nicht nur verschiedene Stimmungen,
sondern auch unterschiedliche Sprechnuancen, Tonlagen und Dialekte zu vermitteln:
vor dem inneren Auge des Hörers entsteht ein weiter Klangkosmos, getragen
einzig von wenigen Musikeinsprengseln und eben der farbenreichen Erzählweise
Maceks, in der die Figuren in plastischer Lebendigkeit spürbar werden.
Seine interpretatorische Brillanz wird lediglich von einigen bedauerlichen
Ungereimtheiten in der Aussprache getrübt: zwanzi“ch“,
dann aber wieder Köni“g“, „Ku“elle (statt „Kwelle“)
usw., auch die wechselnde Aussprache des Namens Raetho (manchmal „Räto“)
irritiert zuweilen.
Die Welt ist fünf Stunden lang. Es ist eine nahezu mythische, archetypische
Welt, in die uns Hans Perting führt. Schroffe Landstriche, grobe Menschen,
wortkarg, denn was gibt es schon zu reden, und auch die Erzählweise selbst
folgt diesem Motto: über weite Strecken erzählt sie lakonisch und ohne
Sentimentalität vom Leben in seiner Härte, bleibt in den Formulierungen
sachlich und fast distanziert, wodurch eine umso authentischere Vermittlung dieses
Lebensgefühls entsteht, das solche Bergtäler prägen mag. Als Kunstgriff
wird die Wiederholung gesetzt, die etwa schon mit dem ersten Satz einsetzt: Die
Welt ist fünf Stunden lang. In einer über mehrere Abschnitte hinweg
anwachsenden Klimax jedoch wird diese Formulierung aufgeweicht, relativiert,
wie eben diese Wahrheit auch in Raetho zu wanken beginnt. Der Autor macht sich
somit zum Sprachrohr der Hauptfigur, erzählt dessen Sichtweise der Welt
und verzichtet auf die Allwissenheit der auktorialen Perspektive – allerdings
nicht immer. An manchen Stellen bricht das dichte Erzählgefüge auf,
nahezu lyrische Elemente werden eingestreut, teilweise auch Ansätze zu philosophisch-essayistischen
Betrachtungen. Nicht immer sind diese gleich gelungen – etwas fragwürdig
etwa das Zitieren aus „Faust“, und zwar nicht an sich, sondern im
konkreten Zusammenhang mit der gewählten Sprache, hier mischt sich zu sehr
gelehrter Duktus mit der bodenständigen Ausdrucksweise des Bergvolks, was
zu etwas abrupten Brüchen mit der Kohärenz des Textes führt. Überhaupt
ist an manchen Stellen des Guten zuviel zu bemerken, etwa bei den vorher schon
angedeuteten Wiederholungen. Werden sie zum Teil sehr wirkungsvoll eingesetzt
(wie beim erwähnten Anfangssatz), wirken sie an manchen Stellen redundant,
etwa bei der zunehmenden Häufung der Epitheta, die dem grenzgängerischen
Valentin zugeordnet werden. Hier schleicht sich das Gefühl künstlerischer
Anstrengung ein, während andere Teile der Erzählung so mühelos,
nahezu „von selbst“ zu sprechen scheinen. Besonders hervorzuheben
sind hier die Abschnitte über den Pfarrer Mairösl, „gran fascista“ und
Wetterzauberer, eine durch und durch geglückte Figur. Hier verlässt
sich der Autor auf seine Inhalte – und die Form folgt wie selbstverständlich.
Zugleich entfaltet sich hier auch Pertings hintergründiger Humor am meisten,
der zwar auch anderweitig aufblitzt, nie aber so frisch und augenzwinkernd wie
bei dieser Figur. Dadurch gewinnt die Erzählung an Leichtigkeit, die bedrückende
Enge der Berge und Köpfe wird erträglicher, und doch steht am Ende
immer wieder die Flucht. Es ist eine Flucht letztlich, deren Ausgangspunkt zugleich
auch ihr Ziel ist: die Heimat. Raetho aber bleibt ein Unbehauster, der keine
Wurzeln schlagen kann, der nirgends Halt findet, um Wurzeln zu schlagen, an keinem
Boden, an keinem Menschen. Dies zu vermitteln, ist wahrhaft gelungen – zuweilen
tun sich zwischen den Zeilen Momente der Betroffenheit auf. In seinen dunklen,
beengenden, aber dann doch auch wieder lichteren und meditativen Stimmungen ist „Der
Kranich“ ein fein gewebter Text, der Zwischentöne anschlägt und
Schattierungen erkennen lässt. Etwas schwerer tut sich der Leser mit seiner
Chronologie. Lehenswesen und Faschismus, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg,
Tourismus und Weltvergessenheit – man wird stutzig und fragt sich, wie
das zusammenpasst (selbst in der literarischen Fiktion sollte zumindest der geschichtliche
Rahmen nachvollziehbar sein) Auch ist das Alter der Figuren nicht ganz klar,
etwa, wann sich Raetho und seine erste Liebe kennen lernen. Nach dem ersten Weltkrieg?
Aber dann müsste sie bei dem nächsten Krieg bereits über dreißig
Jahre alt sein, für eine Frau damals zu alt, um noch ledig zu sein. Hier
also herrscht Verwirrung, die allerdings insofern weniger ins Gewicht fällt,
als die historischen Hintergründe für die Hauptthemen der Erzählung
recht unerheblich sind.
Eines jedoch ist wirklich schade: Die Erzählung endet zu früh. Nach
Raethos Eintritt in den Weltkrieg, als sich eine neue Geschichte und neue Figuren
auftun und die Grenzen des Valanga-Tales endgültig gesprengt scheinen, erhöht
der Autor das Tempo, kaum gibt es noch Zeit, um innezuhalten, schon folgt die
Heimkehr mit der „Negerfrau“ und bald darauf fast ohne Umschweife
das Ende. Schade, denn gerade hier bekommt man Appetit auf mehr, auf Auseinandersetzung
des neuen Raetho mit seinem früheren Umfeld, das offenbar keinen Schritt
weitergekommen ist in seiner Entwicklung. Ein Wermutstropfen.
Nachhaltig bleibt jedoch der Eindruck von starken Figuren,
die aus ihrer Fiktion heraustreten und eine höhere Wahrheit bezeugen: die Wahrheit der vielen „Valanga-Täler“ mit
ihren betenden Müttern, schweigsamen Bauern, opportunistischen Priestern,
mit ihren Borniertheiten und Aberglauben, mit ihren Schmugglern und Grenzgängern
und mit ihren Kranichen, von denen niemand mehr weiß. |