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Buchrezensionen: Im Sechsten Arm |
Im Sechsten Arm
Burgeis und die große Welt. Christentum, Judentum. Die
Muster des Lebens. Das Ringen um Wahrhaftigkeit konzentriert der Autor in der
Figur des jungen Johann Anton Glauber, vor dem Hintergrund von NS und Faschismus.
Mit der Überzeugungskraft der rituellen Erzählweise. Ohne Floskel
und Schnörkel, in spartanisch reduzierten Textsequenzen verdichtet Hans
Perting die Dimension des Handelns, die festgemacht ist in so ursprünglichen
Motiven wie Glaube, Verlockung, Verstrickung.
Mag. CLAUDIA THEINER
(September 2005)
Im 6. Arm
Literatur und Historie: „Im Sechsten Arm“
von Hans Perting,
Schriftsteller und Apotheker in Mals
In der Zeit dieser Zeiten.
In den beschwörenden Wiederholungen liegt der Charme der Sprache. Wie
im
Echo kommen die Worte zurück - schwebend, überirdisch, ritualhaft
skandiert manchmal. Im Gegensatz dazu nimmt der durchgehend bildhafte
Schlusssatz der Kapitel die konkrete profane Alltäglichkeit auf. Bald
wird man der Kraft der wenigen Worte gewahr, die stark genug sind, eine
Handlung zu tragen, der die Formen des verantwortungsvollen Handelns und
Denkens eingeschrieben sind und die auch in der heiklen Ausarbeitung der
Gegensätze Mann-Frau, Christ-Jude, Politik-Kirche zum Tragen kommen. Der Antrieb
ist die Liebe zum Leben, in der ganzen Tragweite.
In den Plot um Nationalsozialismus,
Faschismus und Judentum packt
Perting einen fundierten Diskurs, womit er Erinnerung stiftet an
Menschen der jüngeren Vergangenheit. Die Geschichte des einzelnen soll
gerettet werden, „Im Sechsten Arm“ ist Literatur und Dokumentation.
Es
geht darum, sagt der Autor im Vor&Nachwort, „dass Menschen allein
aufgrund ihrer Rassen-, Religions- oder Politikzugehörigkeit
diskriminiert und letztlich vernichtet worden sind“.
Maria Theiner, die katholische Bauerntochter aus Burgeis, wird die Frau
des jüdischen Kaufmannes Salomon Glauber aus Meran, und das Paar führt
das Leben aus der Verpflichtung gegenüber den Konventionen heraus,
mütterlich die eine, geschäftstüchtig der andere. Wie in seinen
anderen
Werken auch, folgt Perting dem literarischen Grundsatz, die Zu-fälle,
das Geschick, das einem zu-fällt, konsequent auszuleuchten und damit das
individuelle Lebensbild zu nuancieren - moralisch, sinnlich,
erzählerisch. „Wer sind wir“, fragt der junge Glauber den
Vater, „was
handelst du, und warum hast du Mutter geheiratet?“ Denn Johann Anton
wächst als „holbwalscher Juud“ auf, und seine Mutter hat optiert,
bevor
die politische Option über das Land hereingebrochen ist. Optiert für
ihren Mann, mit dem sie nach Siena, Florenz, Genua zieht, “fast jedes
Jahr irgendwo anders“ hin. Den Ernst der politischen Lage verkennend,
glaubt der konvertierte Jude Salomon Glauber „unantastbar“ zu sein,
und
der Autor weist dem Sohn die Rolle zu, Sinnkrise und zeitgeschichtlichen
Zu-fall zu meistern, über den „Sechsten Arm“ des römischen
Gefängnisses
hinaus. Den Vetter Jakub stellt er ihm zur Seite, er ist so etwas wie
der Katalysator im Drama der Zeit. Seine jiddischen Sprüche, einmal
augenzwinkernd, einmal höchst ernst die Situationen kommentierend,
weiten den Horizont des Romans. Und sie begleiten den jungen Glauber,
Medizinstudent, Pazifist und eben Partisan aus Zu-fall, bis zum Schluss,
welcher auf einen rigorosen Brennpunkt hin konzentriert ist: Wer steht
dem jungen Glauber gegenüber, wenn er schießt?
Den Gewissenskonflikt seines Helden zeigt der Autor in großer Dichte,
er
lässt ihn im grandiosen Finale einen bewegenden personalen Existenzkampf
durchstehen und Hans Perting präsentiert einen überzeugenden Schluss,
der einen betroffen zurücklässt.
Mag. Claudia Theiner
(Januar 2006)
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